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Doris Zeidlewitz und Helga König im Gespräch mit Gerhard Roese. Bildhauer, Kunsthistoriker und Architektur-Modellbauer

Lieber Gerhard Roese, Sie sind Bildhauer, Kunsthistoriker und Architektur-Modellbauer, haben Bildhauerei bei Prof. Hiromi Akiyama an der staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe studiert und anschließend ein weiterführendes Studium der Kunstgeschichte, klassischen Archäologie, christlichen Archäologie und byzantinischen Kunstgeschichte an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz absolviert. 

Wir freuen uns, dass Sie Zeit gefunden haben, an unserem Langzeit-Interview-Projekt "Fragen zur Kunst" teilzunehmen.

Doris Zeidlewitz: Wie definieren Sie Kunst?

 Gerhard Roese
Gerhard Roese: Gegenwartskunst ist meiner Meinung nach ein mit gestalterischen Mitteln geleisteter, kommunikativer Beitrag zum - im weitesten Sinne - kulturellen Leben der Gesellschaft - in der Auseinandersetzung mit der Gesellschaft. Kunst ist auf der inhaltlichen Ebene alles, (vielleicht auch nur ?), was erst durch die Kunstfreiheit möglich wird und auf der formalen Ebene ist Kunst alles, was diese Inhalte auf unter wenigstens irgendeinem Aspekt neue, so noch nicht da gewesene Art und Weise sichtbar werden lässt. 

Kunst ist in der Kombination von inhaltlicher und formaler Ebene, eine gestalterische Hervorbringung, welche gleichzeitig "den Geist" - vorzugsweise den Fortschrittlichsten - zur Zeit ihrer Entstehung anschaulich macht und gleichzeitig, unabhängig von diesem, ihre Gültigkeit bewahren kann – sowohl auf der formalen, als auch der inhaltlichen Ebene.

 Helga König
Helga König: Welche Künstler aus vergangenen Epochen mögen Sie besonders gerne und können Sie Gründe dafür nennen?

Gerhard Roese: Ich habe im Studium der Kunstgeschichte die Werke vieler Künstler aller Epochen näher kennen und sehr schätzen gelernt, meine besondere Vorliebe gilt jedoch dem heute so gering geschätzten Gustav Doré. Einen Künstler, der mehr auf der inhaltlichen Ebene ein Erfinder war und ein großer Meister des Schattens, der Kontraste, der dramatischen Inszenierung, der phantasievollen Groteske, wie des emphatischen Realismus. Der außerdem handwerklich ein Meister war und von unvorstellbarem Fleiß, von geradezu manischem Schaffensdrang. Wegen ihres manischen Schaffens- und Ausdrucksbedürfnisses schätze ich besonders die sogenannten "geisteskranken" Künstler.

Doris Zeidlewitz: Dann hat für Sie Malerei einen künstlerischen Wert?

 Gerhard Roese
Gerhard Roese:  Der künstlerische Wert von Malerei – wie aller Kunst - kann für mich nicht allein auf der formalen Ebene liegen. Eine inhaltliche, konzeptionelle Ebene gehört für mich auch in der Malerei unbedingt dazu. Diese Ebene muss sich nicht spontan erschließen, sollte sich aber aus dem Werk des Künstlers heraus wenigstens erahnen lassen. Für mich beginnt also auch in der Malerei erst dort die Kunst, wo Form und Inhalt eine gestaltete Symbiose miteinander eingehen, die von der Kunstfreiheit ermöglicht wird, den (möglichst progressivsten) Geist der Zeit ihrer Entstehung veranschaulicht und dabei zeitbeständig ist. 

Helga König: Welchen Stellenwert hat die Bildhauerei für Sie in der Kunst?

Gerhard Roese: Die Bildhauerei ist für mich die absolute Königin unter allen bildenden Künsten. Sie kann Krönung und Summe aller anderen Disziplinen sein.

 Doris Zeidlewitz
Doris Zeidlewitz: Wann hat für Sie Fotografie einen künstlerischen Wert? 

Gerhard Roese:  An den Kunstcharakter der Fotografie lege ich die selben Maßstäbe an, wie an andere bildende Kunst auch. Nur erscheint es mir im Bereich der Fotografie besonders schwierig auf der formalen Ebene innovativ zu sein. Hier könnte die digitale Bildbearbeitung ins Spiel kommen. Nur ob das dann noch "Fotografie" ist, oder schon etwas Anderes, ist eine umstrittene Frage - Kunst kann es allemal sein.

Helga König: Welche Techniken in der Malerei bevorzugen Sie?

 Gerhard Roese
Gerhard Roese: Lokalfarbigkeit, Lasuren oder pastose Malweise haben alle ihre je unterschiedlichen Vorzüge und Möglichkeiten. Da sie gestalterisch nur "Mittel zum Zweck" sind, hieße mir von ihnen die Eine oder Andere aussuchen zu sollen, mich zu entscheiden, ob ich nur noch mit dem Hammer, oder nur noch mit dem PC, oder nur noch mit dem Schraubenschlüssel arbeiten wolle. Ich liebe sie alle – jede zu ihrem Zweck. 

Doris Zeidlewitz: Was bedeuten für Sie Farben in der Kunst? 

Gerhard Roese: Auf der objektiven Ebene schaffen Farben Ordnung, Zuordnung, Unterscheidung. Auf der subjektiven Ebene werden sie mit Gemütszuständen assoziiert oder mit Naturphänomenen. Trotz aller Subjektivität ist der Konsens so groß, dass Farben für mich ein ideales Kommunikationsmittel – und Kunst ist eine Form der Kommunikation – sind. 

 Helga König
Helga König: Wie eng sollten Galerien und Museen mit Künstlern zusammenarbeiten? 

Gerhard Roese: Kunst ist eine Sache der Kommunikation, Künstler sind die "Sender", welche auf ihre gesellschaftliche Umgebung reagieren und Galeristen und Museumskuratoren sind Multiplikatoren, welche die Kommunikation zwischen Kunstwerk und Gesellschaft herstellen und in Gang halten können. Wenn Galeristen und Kuratoren diese, ihre Aufgabe ernst nähmen und nicht vorrangig an´s Geschäft oder an Besucherzahlen dächten, arbeiteten sie vielleicht enger mit den Künstlern zusammen um dann vielleicht zu ihrer großen Überraschung fest zu stellen, dass das sowohl gut für´s Geschäft ist, als auch für die Besucherzahlen. 

 Doris Zeidlewitz
Doris Zeidlewitz: Welche ausbaufähigen Vermarktungsstrategien für Künstler gibt es in den sozialen Netzwerken des Internets? 

Gerhard Roese:  Da Kunst meiner Meinung nach weniger "vermarktet" als vielmehr kommuniziert werden muss, halte ich soziale Medien und insbesondere Facebook für einen ganz hervorragenden Weg, Kunst nicht-kommerziell zu kommunizieren – wenigstens ein Stück weit. Allein ausreichen kann dieses Medium, meiner Ansicht nach, leider bei weitem nicht. Aber da auch Marketing – wie die Kunst – von der Kommunikation lebt, sollten sich Kommunikationsmedien wie soziale Netzwerke im Internet auch gut zur "Kunstvermarktung" eignen: Posten, vernetzen, teilen. 

Helga König: Welche Aufgaben sollten Politikern in Sachen Kunst ernster nehmen? 

 Gerhard Roese
Gerhard Roese:  Da heutzutage Kunst überwiegend nicht mehr im Auftrag entsteht, sondern vom Künstler frei vorfinanziert wird, um sie der Öffentlichkeit in aller Regel kostenlos und als Kommunikationsbeitrag an zu bieten, sollten sich, (wie ich finde), Politiker als Vertreter genau der Öffentlichkeit, welcher das künstlerische Angebot gemacht wird und die dieses in aller Regel auch gerne - aber nicht dankbar im finanziellen Sinne - annimmt, darum kümmern, dass die Künstler, die ihre Zeit – bestimmungsgemäß - anstatt zum Gelderwerb, für ihre künstlerische Arbeit einsetzen – beispielsweise durch die Zurverfügungstellung von Atelierraum - unterstützend unter die Arme zu greifen. Die Gruppe derer, welche wirklich ausschließlich künstlerisch arbeiten ohne durch andere Arbeiten oder Leistungen Geld hinzu zu verdienen, ist sehr überschaubar und sollte unsere Gesellschaft nicht über Gebühr beanspruchen. Auch könnte es nicht schaden, wenn Politiker sich der Künstler nicht nur erinnerten, wenn sie sich ihres guten Rufes als unbestechliche Idealisten und Avantgardisten – kostenlos – für ihre Wahlkämpfe bedienen wollen, sondern sie aktiver in das Leben der Gemeinwesen, die sie repräsentieren einbänden. Und zwar nicht nur als "dekoratives Beiwerk", sondern als "Stimmen", denen man beispielsweise durch Ausstellungsveranstaltungen ein Forum geben könnte – zum Nutzen der Gesellschaft.

Lieber Gerhard Roese, wir danken Ihnen für das aufschlussreiche Interview.

Ihre  Doris Zeidlewitz, Ihre Helga König

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